Landesjägertag 2010 in Bad Nauheim, Bericht

 

Wildfütterung auf dem Prüfstand

Politiker deuten beim Landesjägertag Tenzenden für Novellierung des Jagdgesetzes an. Veränderte Jagdzeiten fürs Rotwild, neue Regeln für die Wildfütterung und ein revierübergreifender Rehwildabschussplan der Hegegemeinschaften – das sind einige der Punkte, die bei der geplanten Novellierung des hessischen Landesjagdgesetzes in der Diskussion stehen. Diesen Eindruck vermittelten zumindest die Wiesbadener Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) und die jagdpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen beim hessischen  Landesjägertag 2010 in Bad Nauheim. Übereinstimmung besteht dahingehend, dass an den im Bundesjagdgesetz und Hessischen Jagdgesetz verankerten Eckpunkten nichts geändert werden soll, was vom LJV ausdrücklich begrüßt wird. „Wie können die Rotwildschälschäden verringert werden?“ lautet dabei offensichtlich eine zentrale Frage, die von Interessengruppen und Verbänden offenbar schon jetzt nachdrücklich diskutiert wird.

„Wald und Wild – ein Spagat“

„Wald und Wild in Hessen – das ist immer wieder ein Spagat“, skizzierte die Ministerin die offizielle Einschätzung der CDU-geführten Landesregierung. „Viele Interessengruppen sind (im Vorfeld der geplanten Novellierung) schon auf mich zugekommen“, sagte Lautenschläger. „Auch der Forst und der Waldbesitzerverband.“ Insbesondere die Wildfütterung werfe nach ersten Gesprächen eine Reihe von Fragen auf. Dazu sei eine weitere Gesprächsrunde mit „externen Fachleuten“ geplant. In diesem Zusammenhang sprach die Ministerin die Regelung der Notzeit fürs Wild und die Frage der artgerechten Futtermittel an. „Kann ein Revier seinen Abschussplan nicht erfüllen, weil das Nachbarrevier bereits füttert?“ warf Lautenschläger eine weitere Frage auf.

Als besonders problematisch bezeichnete es die Leiterin des Umwelt- und Forstressorts, „dass der Rotwildbestand zwar in kurzer Zeit abgesenkt werden kann, sich aber in ebenso kurzer Zeit wieder aufbaut“. Den Rotwildhegegemeinschaften komme deshalb eine „entscheidende Funktion für das Rotwildmanagement“ zu. Um die Lebensqualität des Rotwilds zu erhöhen, müsse möglicherweise im engeren Umkreis seiner Einstände (und Äsungsflächen) auf die nächtliche Bejagung des Schwarzwilds verzichtet werden.

Von einem eventuellen „Nachtjagdverbot“ auf Schwarzwild in Rotwildeinständen sprach auch der jagdpolitische Experte der CDU-Landtagsfraktion, Dr. Walter Arnold, der als „Vater“ des derzeitigen hessischen Jagdgesetzes gilt. Ganz im Sinne der Landesregierung erwog er auch, die Jagd auf Schmalspießer und –tiere bereits im Mai zu eröffnen, zugleich aber die Rotwildbejagung schon früher als bisher einzustellen. Zugleich räumte der Landtagsabgeordnete aber auch ein, dass insbesondere in den Feldrevieren etwa 30 Prozent der Rotwildstrecke im Januar erzielt werden.

Arnold trat auch explizit dafür ein, „den vollen Jagdschutz für Niederwild und Bodenbrüter“ zu erhalten. „In den Niederlanden gibt es eine zehnmal höhere Fuchsdichte als bei uns“, stellte er dazu fest. „Dort können Bodenbrüter nur noch dann erfolgreich brüten, wenn ihre Brut mit einem Elektrozaun geschützt wird.“ Arnold betonte, dass das Jagdgesetz nur „mit den Jägern, nicht gegen sie“ geändert werden solle. Hinsichtlich der Jagdzeiten und der Fütterung des Rotwilds regte der jagdpolitische Sprecher an, eine Gesprächsrunde zu veranstalten, „um vernünftige Änderungen durchzusetzen“. Er begrüßte es, dass es zum Jagdgesetz „keine ideologische Diskussion mehr zwischen den Fraktionen“ gebe.

In Hessen werden laut früherem Beschluss der schwarz-gelben Landesregierung Landesgesetze und     -verordnungen nach fünf Jahren automatisch auf den Prüfstand gestellt.

„Es gibt viele Bestrebungen, das Jagdrecht zu entwerten und einzuschränken“, berichtete Manfred Görig, jagdpolitischer Sprecher der hessischen SPD. Er legte noch einmal den Fünf-Punkte-Vorschlag der sozialdemokratischen Landtagsfraktion dar (siehe Hessenjäger Nr. 1/2010), der insgesamt auf eine stärkere Position der Hegegemeinschaften abzielt und in der Jägerschaft weithin ein positives Echo fand. Görigs Fazit: „Es gibt mehr Änderungsbedarf, als bisher erkannt.“ Görig appellierte an die CDU-Landtagsfraktion, bald einen eigenen Vorschlag zur Jagdgesetz-Novellierung vorzulegen. Dann müsse man „eine Lösung im Konsens finden, die der Zukunft des Jagdwesens in Hessen gerecht wird“.

„Flexible Notzeiten“ angeregt

Die Jagdzeiten sollten den „biologischen Gegebenheiten des Wildes angepasst“, für die Wildfütterung durch Hegegemeinschaften und Untere Jagdbehörden „flexible Notzeiten“ verkündet und in die Rotwildgebiete auch neue Lebensräume flexibel einbezogen werden. Dafür plädierte der jagdpolitische Sprecher der FDP, Frank Sürmann, wie Görig und Arnold selbst praktizierender Jäger. Der FDP-Abgeordnete sprach sich ebenfalls dafür aus, dem „Wild mehr Ruhe im Januar“ zu gewähren. Ferner forderte er die großräumige Vernetzung der Wildbiotope und mehr „Wildbrücken“ über stark frequentierte Verkehrswege. Für den Kormoran-Abschuss müsse man „eine vernünftige Regelung finden wie in Rheinland-Pfalz und Bayern“. Sürmann bekräftigte die Absicht der FDP, die Jagdsteuer landesweit abzuschaffen. (Eine entsprechende Zusage aus dem Jahr 1999 hatten CDU und Liberale nach der Übernahme der Landesregierung nicht eingehalten, K. R.).

Daniel May trat als jagdpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Grünen dafür ein, „dass am Ende der Beratungen über das hessische Jagdgesetz möglichst Einigkeit aller Fraktionen erzielt werden kann“. Seine Fraktion erkenne die Verdienste der Jäger um Umwelt und Natur an. May zeigte sich hinsichtlich der Jagd weniger dogmatisch und ablehnend als man es von der Ökopartei einst gewöhnt war.

Der Vizepräsident des hessischen Bauernverbandes, Armin Müller (selbst Jäger),  kritisierte scharf die jagdpolitische Entwicklung in Rheinland-Pfalz. Dort haben bei der Novellierung des Jagdgesetzes Bauern- und Waldbesitzerverband Stellung gegen den Landesjagdverband bezogen. Die Verbände der Grundeigentümer schadeten damit letztlich ihren ureigensten Interessen, kritisierte Müller. Er vertrat in seinem Grußwort auch den hessischen Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer und die Naturlandstiftung.

„Durch Gespräche wenig Erfolg“

DJV-Präsident Jochen Borchert erläuterte in seiner Ansprache die schwierige jagdpolitische Situation in Deutschland und der EU. Es werde immer schwieriger, in der Jagdpolitik durch Gespräche und Verhandlungen für die Jäger Erfolge zu erzielen, brachte er die Problematik auf den Punkt.

„Wenn die Jäger nicht zusammenhalten und sich in der EU auf fünf, sechs jagdliche Grundsätze einigen, ist die Jagd in Europa nicht zu halten“, zitierte LJV-Präsident Dietrich Möller eine Aussage der FACE. In Deutschland gingen in immer mehr Bundesländern „Förster und Jäger aufeinander los“ – zum Glück aber noch nicht in Hessen. (Siehe die ausführliche Veröffentlichung der jagdpolitischen Stellungnahme des LJV-Präsidenten in diesem HessenJäger).

Mit dem Staatsehrenpreis für Lebensraumgestaltung zeichneten Ministerin Lautenschläger und der stellvertretende Leiter der Abteilung für Forsten, Jagd und Naturschutz des Umweltressorts, Karl Apel, Werner Weber aus Eichenzell-Lütter bei Fulda aus. Die Auszeichnung nahm stellvertretend für Weber, der sich im Ausland aufhielt, der Vorsitzende der Jägervereinigung Rhön-Vogelsberg, Otmar Sippel, entgegen. Die Hegemedaille in der Sonderstufe Gold überreichte LJV-Präsident Möller Norbert Weyland (Bad Vilbel), dessen im Ballungsraum Rhein-Main gelegenes Revier dank unermüdlicher Hege einen exzellenten Hasenbesatz aufweist.

Ein Dank ging darüber hinaus an den JC Bad Nauheim für die gelungene Ausrichtung des Landesjägertages.

Dr. Klaus Röther
 

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