Gemeinsam fürs Rotwild: Jäger ergreifen die Initiative

Rotwildhegegemeinschaft Meißner-Kaufunger Wald legt zukunftsweisendes Lebensraumkonzept vor

Die entscheidende Aussage trifft das Lebensraumkonzept für das Rotwild im Rotwildbezirk Meißner-Kaufunger Wald unter der Überschrift „Ausblick und Vision“: „Die Bewirtschaftung des Rotwildes stellt eine Herausforderung dar. Die auf Rotwild Jagenden müssen akzeptieren, dass sich Rotwild nicht an die Ansprüche des Jägers in seinem Einzelrevier anpassen wird – das gemeinsame Ziel, Rotwild in angemessenen Beständen langfristig zu erhalten, soll die Plattform für das weitere Handeln sein.“

Jagdpächter, Hessen-Forst und Eigenjagdbesitzer, Jagdgenossenschaften, Landwirte und Jagdbehörden haben gemeinsam und aus eigener Initiative ein Konzept für ein fast 39.000 Hektar großes Rotwildgebiet und dessen 94 Jagdreviere geschaffen, das die Zukunft, Hege und nachhaltige Bejagung des größten freilebenden heimischen Säugetiers langfristig sichern soll. Die Arbeitsgruppe „Lebensraum“ der Rotwildhegegemeinschaft (RHG) Meißner-Kaufunger Wald stellte das Gemeinschaftswerk in ihrer Hauptversammlung im nordhessischen Fürstenhagen (Hessisch-Lichtenau) vor. „Die Beteiligten stehen auch wirklich voll hinter diesem Zukunftsentwurf“, betonte der Naturschutz-Referent Rolf W. Becker, der die Entstehung des Konzepts seitens des Landesjagdverbandes Hessen (LJV) und der AG Lebensraum Rotwild initiiert und in 3 Jahren geleitet hat.

Eine ebenso umfassende wie solide Bestandsaufnahme, für die unter anderem die Revierinhaber schriftlich befragt wurden, förderte für dieses Rotwildgebiet zahlreiche aufschlussreiche Erkenntnisse zutage. Vorab seien aus dem Kapitel „Schalenwild“ beispielhaft genannt:

• Im Durchschnitt aller 94 Reviere belaufen sich die durch Rotwild entstandenen Wildschäden auf 1,11 Euro pro Hektar. In den Revieren mit Schwarzwildkirrungen in der Nähe der Rotwildeinstände betragen diese Schäden 0,97 Euro je Hektar; in Revieren, in denen nicht in Einstandsnähe gekirrt wird, 1,19 Euro. Aber: Schwarzwildkirrungen können überhaupt nur dort in der Nähe von Rotwildeinständen angelegt werden, wo diese auch in größerem Umfang existieren. In diesen „privilegierten“, besonders ruhigen Revieren kann das Rotwild jedoch meist auch tagsüber, seinem Nahrungsrhythmus gemäß, die Wildäsungsflächen ungestört aufsuchen. (Diese umfassen im Rotwildgebiet knapp 1,2 Prozent der Jagdfläche). Der nächtliche Ansitz an Schwarzwildkirrungen unterbindet folglich speziell in diesen (!) Revieren die Nahrungsaufnahme nicht in entscheidendem Maß. (Aber, so die Schlussfolgerung aus weiter untenstehenden Aussagen: Die Nachtjagd an Schwarzwildkirrungen schadet immer dann Wald, Rotwild und dem eigenen Jagderfolg auf diese Wildart, wenn sie durch unnötige Beunruhigung das Rotwild an der artgemäßen Nahrungsaufnahme hindert, K. R.).

  • Der Gesamtumfang (Zahl und Fläche) der angebotenen Äsungsflächen und der ganzjährige Aufenthalt von Rotwild im Revier (Standwild) stehen in direktem Zusammenhang.

  • Je mehr Äsungsflächen angeboten werden, umso besser werden diese auch tagsüber angenommen.

  • Die Gesamtgröße der Äsungsflächen beeinflusst jedoch nur bedingt die Möglichkeit der problemlosen Abschusserfüllung. 

  • Es lässt sich in der Hegegemeinschaft keinerlei Zusammenhang zwischen der jährlichen Rot- und Schwarzwildstrecke feststellen.

Das Rotwildgebiet im Detail

Das im Nordosten Hessens im Dreiländereck Hessen-Thüringen-Niedersachsen gelegene Rotwildgebiet trägt Mittelgebirgscharakter. Es ist zu 57 Prozent (rund 21.000 Hektar/ha) bewaldet, davon sind 43 Prozent mit Buche und 39 Prozent mit Fichte bestockt (Rest: andere Baumarten). Knapp 60 Prozent des Waldes gehören Hessen-Forst, gut 40 Prozent privaten Eigentümern und Kleinprivatwaldbesitzern. Weniger als ein Prozent der Waldfläche ist gegattert. Nach mehreren heftigen Sturmwürfen existiert eine große potentielle Einstandsfläche, die allein im Forstamt Hessisch-Lichtenau (Hessen-Forst) über 2.000 ha umfasst. Diese allein bilden schon knapp 20 Prozent der gesamten Staatswaldfläche von über 10.000 ha im Rotwildgebiet.

Die landwirtschaftlichen Flächen werden im Verhältnis von 1 zu 2 als Ackerland und Grünland genutzt. Für 62 Prozent (zirka 23.400 ha) der Gesamtfläche gilt ein Schutzstatus: 21.600 ha sind als FFH-Gebiete, 1.680 ha als Vogelschutzgebiet und der Rest als sonstige Schutzgebiete ausgewiesen.

Die Schälschäden

Das mittlere Schälschadenprozent betrug 2005 bei der Forsteinrichtung im Staatswald Hessisch-Lichtenau bei der Fichte 75 Prozent und bei der Buche 23 Prozent, hier mit Schwerpunkt in den jungen Altersklassen. Im Jahr 2008 wurden bei der Schälschadenserhebung 50 Prozent aller Bäume im schälfähigen Alter als geschält eingestuft. Für diesen Staatswaldbereich wurde 2008 der Vermögensschaden durch Schälschäden mit rund neun Millionen Euro angegeben. In der RHG besteht laut Gutachten Einvernehmen darüber, „dass ein Mangel an jederzeit im Wiederkäuerrhythmus störungsfrei aufnehmbarer und attraktiver, vielfältiger Äsung den Auslöser“ für das Schälen bildet. Wirkungsvolle Maßnahmen gegen Rotwildschäle genießen eine hohe Priorität: Auf  über 70 Prozent der gesamten Waldfläche stocken Laub- und Nadelholz in schälfähigen Altersklassen.

Die Arbeitsgruppe „Lebensraum“ der RHG geht übrigens davon aus, dass Privatwald in der Regel einer „deutlich geringeren Nutzungsintensität“ unterliegt und mit Forstwegen „in deutlich geringerem Maße als der Landeswald“ erschlossen ist. Ihre Schlussfolgerung: „Beide Faktoren führen in der Regel zu deutlich geringerem Störungseinfluss als im öffentlichen Wald.“ 

Verkehrsprobleme

Ein besonderes Problem bildet die A 44 Kassel-Erfurt, die abschnittsweise weitergebaut wird. Sie durchschneidet auf 64 Kilometern Wildtierlebensräume und naturnahe Landschaften. Die RHG beteiligt sich an den straßenbaulichen Planungen seit deren Beginn und fordert auf den von ihr mit Unterstützung des LJV-Naturschutz-Referenten Rolf W. Becker dokumentierten Fernwechsel-Korridoren Überquerungshilfen wie Grünbrücken.

Tourismus

Zudem weist der Tourismus im Werra-Meißner – dem Schwerpunkt des Rotwildgebietes – eine steigende Tendenz auf. Wandern, Radfahren und Mountainbiking, Reiten (Wanderreiten), Paragliding und vor allem auch der Wintersport sorgen für eine beträchtliche Beunruhigung. Ein Netz von 457 Kilometern Wanderwegen und zusätzlich 420 Kilometer Rad-Wanderwege und Mountainbiking-Routen durchziehen das Rotwildgebiet.

Bestand und Abschuss

Zirka 1.400 Stück Rotwild bilden laut Rückrechnungen derzeit den Bestand. Im Jagdjahr 2008/09 wurden 476 Stück Rotwild erlegt, davon 210 bei Hessen-Forst (einschließlich der verpachteten Reviere) und 266 in den privaten Revieren. Die durchschnittliche Abschusserfüllung beträgt vom Jagdjahr 1990/91 bis 2008/09 bei Hessen-Forst 88,2 und in den Privatrevieren 86,6 Prozent.

27 Reviere (28 Prozent aller Jagdbezirke) betreiben Kirrungen in der Nähe der Rotwildeinstände. Auffällig ist, dass deren Inhaber die „Wertigkeit“ ihrer Reviere als besonders hoch beurteilen und ihre Jagdbezirke in dieser Hinsicht bei der Befragung der Revierinhaber Spitzenpositionen einnehmen. So geben 52 Prozent (Durchschnitt aller Reviere: 44 Prozent) an, dass „mehr als die Hälfte der Fläche des Reviers ein Einstand für Rotwild ist“, 70 Prozent (alle Reviere: 64 Prozent) bejahen die Frage, ob in ihrem Revier Rotwild ganzjährig steht, und 52 Prozent (alle Reviere: 40 Prozent) erklären, dass sie die Abschuss-Vorgabe problemlos erfüllen können.

In den Revieren, die Kirrungen in der Nähe von Rotwildeinständen unterhalten, werden laut Umfrage auch am häufigsten die Äsungsflächen vom Rotwild tagsüber angenommen (in 44 Prozent der Reviere). Andererseits nutzen diese Revierinhaber aber ihre Wildäsungsflächen am wenigsten zur Jagdausübung (67 Prozent).

Innerhalb des Rotwildgebietes Meißner-Kaufunger Wald existiert auch ein 22.800 Hektar großes Muffelwildgebiet (davon sind rund 9700 ha Waldfläche).  Der Bestand an Wildschafen scheint nicht allzu groß zu sein, weil jährlich nur sechs bis acht Stück erlegt werden.

Jagdmethoden und -strategien

Von den 94 Revieren bevorzugen 85 die Einzeljagd (Ansitz) und 6 die Bewegungsjagd (fehlende Zahlen zu 94: keine Angabe der Reviere bei der Umfrage). Bei der Einzeljagd wird in 51 Revieren der Abendansitz vorgezogen (20 Waldreviere, 31 Feldreviere). Der Morgenansitz ist aus der Sicht von 22 Revieren erfolgreicher. In sechs Revieren werden beide Ansitzarten praktiziert.

Der Nachtansitz bei Mondschein wird in 26 Wald- und 39 Feldrevieren ausgeübt. Abgelehnt wird diese Jagdmethode von 11 Wald- und 16 Feldrevieren.

Hessen-Forst verfolgt auf seinen rund 10.000 Hektar Wald beim Rotwild-Abschuss folgende Strategie:  Im August sollen 30 Prozent des Gesamtabschusses (überwiegend Kahlwild) bei konzentrierten Ansitz-Intervallen erzielt werden. Der Hirschabschuss soll in der Brunft erfolgen. Nach einer Ruhephase finden von Mitte Oktober bis Mitte Dezember große Ansitzdrückjagden statt.  Einzeljagd gibt es während dieser Zeit kaum. Der restliche Abschuss, der möglichst gering sein soll, wird im Januar erfüllt.

Abschuss

In 30 Feld- und 16 Waldrevieren werden die Abschussvorgaben erreicht, während der Abschussplan in 24 Feld- und 21 Waldrevieren nicht oder nur schwer erfüllt werden kann. Dies entspricht etwa einem Verhältnis von 1 zu 1.

Einstandswechsel

 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass das Rotwild einer „Zwangsmobilität“ unterliegt und jahreszeitlich unterschiedliche Einstandsschwerpunkte bezieht.

• Aufgrund hoher Wintersportaktivitäten und eines erheblichen Drucks durch Erholungssuchende weicht es im Winter in tiefere Lagen aus. Vor allem am Meißner treten erhebliche Störungen durch Skiläufer auf, die die gespurten Loipen verlassen. Im Kaufunger Wald wechselt das Rotwild wegen magerer Äsung die Einstände. Dort liegen beispielsweise die Gewichte der Kälber erheblich niedriger als am Meißner.

• Abend- und Nachtansitze bei Mond, uneffizient durchgeführte Bewegungsjagden „sowie die teilweise praktizierte Nachtjagd an der Kirrung bringen“, so die Verfasser des Lebensraumkonzepts, „eine ständige Beunruhigung des Rotwildes in nicht wenigen Revieren mit sich“.  Dies müsse sich ändern. Dabei seien allerdings „die problematische Entwicklung der Schwarzwildpopulation und die damit verbundenen Schäden in den Feldrevieren“ zu berücksichtigen.

Das Fazit der Verfasser: „Angesichts der aktuellen Schälschadenssituation erfordern diese Umstände und Erkenntnisse ein angemessenes Handeln und die Erarbeitung von Kompromissen im Verhältnis Wald/Wild.“ Insgesamt biete der Lebensraum dem Rotwild jedoch gute und artgerechte Lebensbedingungen: „Seine Bedürfnisse  an Ernährung, Sicherheit, Fortpflanzung und Sozialgefüge können in dieser abwechslungsreich strukturierten Landschaft erfüllt werden.“

(Der Bericht wird im nächsten Hessenjäger mit dem zukunftsweisenden Abschnitt „Schrittweise Umsetzung in die Praxis in Eigenregie und längerfristige Fortsetzung des Projekts“ abgeschlossen. Außerdem kommen dann die Vertreter der beteiligten Gruppierungen mit ihren Stellungnahmen zu Wort, die sie vor der Versammlung der Rotwildhegegemeinschaft abgegeben haben).

Dr. Klaus Röther

 

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